Die
vier Temperamente im 3-D-Programm von Reddin
Ein weiteres
Persönlichkeitsmodell findet sich in Reddins „3-D-Programm
zur Leistungssteigerung des Managements“ (1970). Darin beschäftigt
er sich mit verschiedenen Führungsstilen und diesbezüglichen
Theorien und Forschungsarbeiten. „Das Kernstück der 3-D-Theorie
ist eine sehr einfache Idee. Sie wurde in einer langen Reihe von Forschungsstudien
entdeckt, die von Psychologen in den Vereinigten Staaten durchgeführt
wurden. Sie stellten fest, daß die beiden Hauptelemente im Verhalten
von Führungskräften mit der zu erledigenden Aufgabe und mit
Beziehungen zu anderen Menschen zu tun hatten." (S. 25) Daraus
folgt bei ihm, daß Führungsverhalten sich qualitativ vor
allem nach den Dimensionen Aufgabenorientierung und Beziehungsorientierung
schichten ließe. Aus den Extrempolen dieser zwei Dimensionen kombinierte
er schließlich vier Typen von Führungsverhalten. Es sind
dies der Aufgabenstil, der Integrationsstil, der Beziehungsstil und
der Verfahrensstil.

Abbildung 4.26: Reddins
vier Führungsstile durch Kombination
von Beziehungsorientierung und Aufgabenorientierung, S. 44
Diese Idealtypen
des Manager-Führungsverhaltens sind nun keineswegs einfache Schubladen,
um alle Führungssituationen in vier Kategorien einteilen zu können.
„Es ist wichtig festzuhalten, daß diese vier Grundstilarten
aus praktischen Gründen geschaffen wurden und keine unumstößliche
Tatsache darstellen. Diese die vier Stilarten trennenden Linien existieren
in Wirklichkeit nicht, sie wurden nur gezogen, um die Diskussion über
das Verhalten zu erleichtern.“ (S. 43)
Abermals sind normale Führungssituationen stets nur Mischformen
dieser vier Idealtypen, oder, wie es über die Komplexionen geheißen
hat: „doch so nympt ayne vberhand, das ist die, di der Mensch
aller mayst hat, vnd kain mensch hat allein eine.“ (Reißer
1997, S. 319)
Der Aufgabenstil
entspricht einer hohen Aufgabenorientierung und einer niedrigen Beziehungsorientierung.
„Der Aufgabenstil-Manager neigt dazu, andere zu beherrschen.
Er gibt seinen Mitarbeitern viele mündliche Anweisungen. Seine
Zeitperspektive liegt in der unmittelbaren Gegenwart. (...) In Ausschüssen
spielt er gerne eine sehr aktive Rolle, initiiert, bewertet und leitet.
(...) Streßsituationen löst er durch Dominanz.“ (S.
50) In seiner impulsiven Art schert er sich wenig um die Beziehung
mit dem Mitarbeiter, sondern er trägt ihm spontan mündlich
Aufgaben zu, sobald ihm diese einfallen. Der Aufgabenstil wird durch
folgende Merkmale charakterisiert: „Bestimmt, aggressiv, zuversichtlich,
geschäftig, treibt an, erteilt Aufträge, delegiert Verantwortung,
setzt Maßstäbe jeweils individuell, selbstsicher, unabhängig,
ehrgeizig“ (Reißer 1997, S. 262) Diese Eigenschaftswörter
entsprechen dem feurigen Temperament und den dementsprechenden selbstverwirklichenden,
dschungelkämpfenden und hitzigen Persönlichkeitstypen, wie
wir sie bereits kennengelernt haben, hier als Macher und Autokrat in
Licht und Schatten zerlegt.
Der Integrationsstil
ist das ausgleichende, kommunikative Schmieröl zwischen verschiedenen
Meinungen und Interessen von Einzelnen und Gruppen im Getriebe des Unternehmens.
Er weist in beiden Orientierungsdimensionen hohe Werte auf. „Der
Integrationsstil-Manager wird gerne zu einem integrierten Teil der Dinge.
Grundsätzlich möchte er gerne dabei sein und gibt sich große
Mühe, zu Einzelpersönlichkeiten oder Gruppen bei der Arbeit
besten Kontakt zu finden. Kommunikation mit anderen pflegt er gerne
im Rahmen von Gruppen oder in häufigen Konferenzen und Besprechungen.
Hier kann er die von ihm bevorzugte Zweiweg-Kommunikation verwirklichen.“
(S. 51) Der Integrationsstil ist der luftige Teil der Führung.
Gleich dem Sanguiniker ist er überall wohlgelitten und ein geistreicher
Vermittler. Er bevorzugt Teamwork und möchte alle Mitarbeiter gleichberechtigt
einbeziehen und voll integrieren. Er möchte in jedem die Flamme
einer Leitidee entfachen. „Leitet Autorität aus Zweck,
Idealen, Zielen, politischen Richtlinien ab; integriert den Einzelnen
in die Organisation; will Mitsprache, geringe Machtunterschiede; Bevorzugt
gemeinsame Ziele, Verantwortung; interessiert an Motivationstechniken“
(S. 271) Wie wir in dieser Stichwortbeschreibung sehen, werden
in dieser Typologie vor allem jene Regionen des Sanguiniker-Archetyps
hervorgestrichen, in welchen sich dieser mit dem Phlegmatiker in seiner
geselligen, empfindungsreichen Art überlappt. Er betont dennoch
die intellektuell-kommunikativen Elemente, was in magischer Terminologie
sehr feuchter Luft (Luft ist warm-feucht, Wasser kalt-feucht) oder einem
Vorherrschen der venusischen vor den jovialen Kräften entspräche.
Der Phlegmatiker
hingegen läßt sich in Reddins Modell treffender dem Beziehungsstil-Manager
zuordnen. „Der Beziehungsstil-Manager akzeptiert andere so
wie sie sind. Er hat Freude an langen Gesprächen als Möglichkeit,
andere besser kennenzulernen. (...) Er sieht Organisationen primär
als soziale Systeme und beurteilt seine Mitarbeiter danach, wie gut
sie andere verstehen. Er beurteilt Vorgesetzte nach der Wärme,
die sie Mitarbeitern zeigen. In Ausschußsitzungen unterstützt
er andere, gleicht Differenzen aus und hält andere dazu an, ihr
Bestes zu geben.“ (S. 47) Hier haben wir den wässrigen
Teil der Führung, welcher sich um die menschliche Seite, um die
seelischen Belange und Empfindungen der Mitarbeiter kümmert. Er
ist der soziale Firmenmensch mit den gemütlichen und geselligen
Gesichtern von Mond und Venus, der sich um die Menschen hinter dem System
sorgt. „Menschen stehen an erster Stelle; ruhig, unbeachtet;
lange Gespräche; mitfühlend, verständnisvoll, wohlwollend,
freundlich“ (S. 256) Seine Aufgabenorientierung ist zwar
niedrig, dafür aber seine Beziehungsorientierung hoch.
Schließlich
bleibt noch der Verfahrensstil-Manager, welcher sowohl
in Aufgabenorientierung, als auch in Beziehungsorientierung ein niedriges
Niveau aufweist und somit den passivsten und trockensten Charakter darstellt.
„Dem Verfahrensstil-Manager liegt viel an der Korrektur von Abweichungen.
Er bevorzugt die schriftliche gegenüber der mündlichen Kommunikation.
(...) Von der Zeitperspektive ist er vergangenheits-orientiert und richtet
sich danach, „wie wir es das letzte Mal schon gemacht haben.“
(...) In Ausschußsitzungen verfolgt er gern einen unterkühlten
parlamentarischen Stil, versucht Positionen abzuklären, andere
bei Erledigung der Tagesordnung zu lenken und alle Beiträge über
den Vorsitzenden zu leiten. Er ist offensichtlich gut geeignet für
Positionen in der Verwaltung, im Rechnungswesen, in der Statistik oder
in der Konstruktion. (...) Wenn Dinge falsch laufen, reagiert er meistens
mit dem Vorschlag strengerer Kontrollen.“ (S. 48) Der Verfahrensstil-Manager
ist das erdige Rückgrad der Organisation, der konservative und
beharrliche Pol und entspricht Saturn, dem gestrengen Wächter der
Grenzen, als Planet des trägen und trockenen Melancholikers. Er
wird beschrieben als „Vorsichtig, sorgfältig, konservativ,
ordentlich; Vorliebe für Schreibtischarbeit, Verfahren, Tatsachen;
Sucht nach festgelegten Prinzipien; genau, pedantisch, korrekt, perfektionistisch;
unerschütterlich, bedächtig, bescheiden.“ (S. 244) Der
Verfahrensstil ist der erdige Teil der Führung, die Welt der Fakten,
Regeln und Ordnungen, Zahlen und Vorgaben, Konten und Routinearbeiten.
Diese vier
Führungsstile sind nun Ausgangspunkt der 3-D-Theorie. Bislang ist
das Modell jedoch erst zweidimensional. Reddin fügt als dritte
Achse die Effektivität hinzu, wodurch er in den Extrempolen des
Würfels acht Führungsstile erhält. Der Grad der Effektivität
sagt aus, inwieweit das Führungsverhalten der Situation angebracht
und insofern erfolgreich ist. Reddin stellt dabei fest, daß es
keinen einzig richtigen Grundstil der Führung gäbe. „Aus
weiteren an mehreren Universitäten durchgeführten Forschungsarbeiten
ging deutlich hervor, daß jeder einzelne dieser vier Grundstile
in bestimmten Situationen effektiv, in anderen wiederum ineffektiv sein
kann. Kein Stil ist an sich mehr oder weniger effektiv.“ (S. 27)
Deshalb arbeitet er für jeden Führungsstil eine Lichtseite
und eine Schattenseite heraus, wie wir in folgender Abbildung sehen.

Abb.
4.27: Das 3-D-Modell der Führungsstile von Reddin, S. 28
Der Schatten des Verfahrensstil-Managers wird griffig
als „Kneifer“ bezeichnet. Er meidet Verantwortungen und
Bindungen, zieht sich zurück in einen Dienst nach Vorschrift, behindert
andere und widersetzt sich dem Wandel, ist unkooperativ und engstirnig.
Diese Darstellung entspricht in etwa den sehr negativ angehauchten Beschreibungen
des melancholischen Temperaments in den mittelalterlichen Komplexionstexten.
Die Lichtseite im Bild des „Bürokraten“ gleicht hingegen
den guten Seiten des Saturn. Er ist „zuverlässig, loyal,
erhält System und laufenden Betrieb aufrecht, kümmert sich
um Details; rational, logisch, selbstbeherrscht; fair, gerecht, objektiv.“
(S. 254)
Der Beziehungsstil
führt, wenn er uneffektiv eingesetzt wird, zum „Gefälligkeitsapostel.“
Dieser „vermeidet Konflikt; angenehmer, freundlicher, herzlicher
Mensch; vermeidet Anregungen, passiv, gibt keine Anleitungen; kein Interesse
an Ergebnissen.“ (S. 259) Er versucht es allen recht zu machen
und hat über die Beziehungsebene die Aufgabe aus den Augen verloren.
Richtig angewendet wird der Manager bei Anwendung des Beziehungsstils
hingegen zum „Förderer“ und „hält Kommunikations-kanäle
offen, hört zu; fördert Begabungen anderer, bildet aus; versteht
andere, unterstützt sie; arbeitet gut mit anderen, kooperiert,
man traut ihm, er vertraut anderen.“ (S. 260)
Der Integrationsstil
zeigt sein negatives Gesicht im „Kompromißler“. Er
„führt Mitspracherecht zu weit; nachgiebig, schwach;
meidet Entscheidungen; betont Aufgaben und Beziehungen in unangebrachten
Situationen; Idealist, mehrdeutiges Verhalten, ihm wird mißtraut.“
(S. 274) Er ist der wendehälsische Drahtseilstolperer zwischen
den Purzelbäumen verschiedenster Anforderungen und meistert seinen
Akt mehr schlecht als recht. Wird der Integrationsstil hingegen effektiv
eingesetzt, so kann der Manager als „Integrierer“ bezeichnet
werden. Dieser „fällt Entscheidungen in Zusammenarbeit
mit der Gruppe; setzt Mitspracherecht situationsangemessen ein; weckt
Engagement für Ziele; fördert höhere Leistungen; koordiniert
andere in ihren Tätigkeiten.“ (S. 277) Er macht seiner
vornehmsten und edelsten Kompexion des luftigen Elementes ganze Ehre
als weiser Vermittler zwischen verschiedenen Positionen und geistreicher
Unterhalter.
In Licht
und Schatten des Aufgabenstils zeigen sich die schaffende
und die vernichtende Kraft des Feuers. Das dunkle Gesicht ist der „Autokrat“,
welcher beschrieben wird als „kritisch, bedrohlich; trifft
alle Entscheidungen; fordert Gehorsam, unterdrückt Konflikte; will
Maßnahmen, Ergebnisse sofort; Kommunikation nur nach unten, handelt,
ohne andere um Rat zu bitten; gefürchtet, ungeliebt." (S.
266) Er entspricht dem zornigen Choleriker, welcher in einem Kreis
von Flammen die Frau mit einem Knüppel schlägt. Als Diktator
und tollwütiges Raubtier streift er gefürchtet durch die Gänge
der Abteilung. Das lichte Gesicht des Aufgabenstils offenbart sich im
Bild vom „Macher“. Dieser ist „entscheidungsfreudig,
zeigt Initiative; fleißig, dynamisch; führt Dinge zu Ende,
ist engagiert.“ (S. 269) Er entspricht dem berittenen Krieger
und Schwertträger, dem solaren König am Schreibtisch des Erfolgs.
Interessant
wird es nun, wenn man das Basisschema des 3-D-Modells aus Abbildung
4.26 kombiniert mit dem aristotelischen Schema zur Konstruktion der
vier Elemente aus Feuchtigkeitsgrad und Temperatur der Hyle, wie es
in Abbildung 4.14 dargestellt wurde. Das Ergebnis findet sich in folgender
Graphik. Die Dimension Aufgabenorientierung (AO) entspricht
dabei der Temperatur der Hyle. Das bedeutet, daß hohe Aufgabenorientierung
als aktiv (warm) und niedrige als passiv (kalt) umschrieben wird.

Abbildung 4.28: Die vier Elemente in Reddins
3-D-Modell
Die aktiven
Elemente Feuer und Luft entsprechen einer hohen Aufgabenorientierung.
Durch die alchemistischen Symbolentsprechungen zweier spitz nach oben
verlaufender, somit aufwärts strebender Dreiecke, einmal ohne und
einmal mit Querbalken, wird die außengerichtete Handlungsbereitschaft
angezeigt. Einer niedrigen Aufgabenorientierung entsprechen hingegen
die zwei passiven (kalten) Elemente Erde und Wasser, was sich in den
nach unten weisenden Dreiecken, welche sich schier Richtung Boden fallen
lassen, ausdrückt. Luft und Feuer sind aktiv und in ständiger
Bewegung. Erde und Wasser sind passiv und streben stets zum tiefsten
Punkt des geringsten Widerstandes. Sie wollen ruhen, nicht emporstreben.
Sie wollen bewahren, nicht umstürzen oder in Aufruhr versetzen.
Die Beziehungsorientierung
(BO) steht nun mit dem Feuchtigkeitsgrad der Hyle in Analogie.
Eine hohe Beziehungsorientierung entspricht den zwei feuchten Elementen
Wasser und Luft. Dies zeigt sich auch in der teilweisen charakterlichen
Überlappung von Phlegmatiker und Sanguiniker in ihrem geselligen,
umgänglichen Wesen. Die trockenen Elemente entsprechen hingegen
einer geringen Beziehungsorientierung. Der zurückgezogene Melancholiker
und der selbstbetonte Choleriker sind in ihrem Umgang deutlich schwieriger
und unangenehmer handzuhaben. Ihre trockenen Persönlichkeiten sind
mehr mit der Sicherung und Konsolidierung, Verwaltung und Organisation
des Erreichten beschäftigt (Erde) oder mit dem Durchsetzen von
neuen Ideen und Eigeninteressen (Feuer) als mit der Pflege von Beziehungen
und sozialen Umgangsformen. Oft werden diese zwei Pole trocken und feucht
auch mit gespannt und gelöst umschrieben.
Abschließend
bleibt zu erwähnen, daß dieses Führungsstil-Modell aus
einem breiten Repertoire ähnlich aufgebauter Führungstheorien
ausgewählt wurde. Reddin selbst erwähnt als seine Einflüsse:
„Barnard, Davis, Simon, Fiedler, Mayo, Roethlisberger, Likert,
Dickson, Blake, Gardner und die Mitarbeiter des Tavistock Institute
of London. (...) Hemphill, Thelen, Rogers und Cantor, (...) Lewin, Merton,
Deutsch, Chein, Festinger, Lippitt und French (...).
Einige der wichtigsten Forschungsarbeiten über die Führung,
die für uns von direktem Belang sind, wurden von der Ohio State
University, der University of Michigan und der Harvard University durchgeführt.“
(S. 35) Außerdem bestehen eindeutige Parallelen zu weiteren
zweidimensionalen Modellen, welche ebenfalls eine Aufgabendimension
und eine Mitarbeiterdimension verwenden. Dazu zählen die vier Quadranten
von Lewin, Lippitt & White, das Verhaltensgitter von Blake &
Mouton oder das Grundmodell der situativen Führungstheorie nach
Hersey & Blanchard. (...)
alle
Zitate aus:
Reddin, William
J. (1977) Das 3-D-Programm zur Leistungssteigerung des Managements,
München: Verlag Moderne Industrie
außer
wenn extra gekennzeichnet:
Reißer,
Ulrich (1997) Physiognomik und Ausdruckstheorie der Renaissance,
München: scaneg Verlag