Die
fließenden Grenzen zwischen Magie und Wissenschaft
(...)
b. intertemporäre
Gleichzeitigkeit von Magie und Wissenschaft in einem Wissensmodell
Die fließenden
Grenzen zwischen Magie und Wissenschaft lassen sich auch im intertemporären
Vergleich der Beurteilungen eines Wissensmodells veranschaulichen. In
den Naturwissenschaften mag es durchaus Gesetze geben, welche, wenngleich
nicht für die Ewigkeit und immer, so doch für sehr lange Zeiträume
und meistens gelten. Die Halbwertszeit der Gültigkeit von sozialwissenschaftlichen
Modellen hingegen ist in der Regel um vieles kürzer. Wir wollen
deshalb ein legitimiertes Erkenntnismodell aus der offiziellen Wissenschaft
des 17. Jahrhunderts eingehender betrachten. Es ist dies der bereits
erwähnte mathematische Nachweis von Johannes Kepler, daß
die Monarchie vor der Demokratie oder der Aristokratie die vollkommenste
Staatsform ist:
Beispiel
für das Magische einstiger Wissenschaft:
Johannes Kepler: Über die drei Mittel - ein politischer
Exkurs (Kepler 1619, S. 176ff)
Wenn
man zu etlichen Zahlen, ohne Rücksicht auf ihre Größe,
Gleiches addiert, dann liegt eine arithmetische
Proportion vor. z.B.:

Um
wieviel 6 größer ist als 3, um soviel ist 12 größer
als 9.
Die Proportion ist in diesem Beispiel unzusammenhängend.
Eine zusammenhängende Proportion oder eine arithmetische
Reihe liegt vor, wenn man mit einer beliebigen
Zahl beginnend fortwährend ihr Gleiches addiert. z.B.:
Da also zwischen 3, 6, 9, 12 und ebenso zwischen 38, 41, 44,
47 eine fortlaufende arithmetische Reihe entsteht, kommt es,
daß man die mittlere von drei aufeinanderfolgenden Zahlen
arithmetisches Mittel heißt. So ist zwischen 6 und 12
das arithmetische Mittel 9, zwischen 38 und 44 das arithmetische
Mittel 41.
Wenn
man aber zu etlichen Zahlen unter Berücksichtigung ihrer
Größe Ähnliches addiert, dann liegt eine geometrische
Proportion vor. z.B.:

Wie
man zu 3 die dreifache Zahl 9 addiert, so zu 9 die dreifache
Zahl 27, die im selben Maß größer ist als 9,
wie 9 größer ist als 3 oder 15 als 5 usw. (...)
Wiederum
ist die Proportion in diesem Beispiel unzusammenhängend.
Eine zusammenhängende geometrische Proportion oder eine
geometrische Reihe liegt vor, wenn
man mit einer beliebigen Zahl beginnend einen ihr ähnlichen
Teil oder ein ihr ähnliches Vielfaches addiert. z.B.:

Hier
addiert man zur Anfangszahl in den beiden ersten Beispielen
je das Dreifache, im dritten die Hälfte. Zu der Zahl, die
hieraus entsteht, addiert man wieder das Vielfache oder den
Teil. Wie sich also 8 zu 12 verhält, so 12 zu 18 und 18
zu 27. Dabei ist 12 das geometrische Mittel zu 8 und 18. Und
18 ist das geometrische Mittel zu 12 und 27 usw.
Die Kenntnis dieser Dinge ist notwendig, um zu verstehen, was
eine harmonische Proportion ist.
(...)
Da
es drei
Staatsformen
gibt, die Demokratie, die Aristokratie und
die Monarchie, vergleicht Bodinus die Demokratie mit der arithmetischen
Proportion, die Aristokratie mit der geometrischen
und die Monarchie mit der harmonischen. Denn wie bei der arithmetischen
Proportion die Zuwüchse aller Zahlen, der großen
wie der kleinen, gleich sind, so will das Volk in der Republik,
daß Lasten, Vorteile, Ehren und Amtswürden für
alle gleich seien. Es will nichts wissen von einer besonderen
Berücksichtigung einzelner Personen. So verlangt es z.B.,
daß das Jagdrecht allen gemeinsam ist, den Adeligen wie
den Gemeinen, den Reichen wie den Armen. Wenn es sich um etwas
handelt, was eine Teilung unter vielen nicht zuläßt,
dann will das Volk darüber losen; denn das Los ist blind,
es unterscheidet nicht zwischen adelig und gemein, reich und
arm, wohlverdient und unverdient, tüchtig und lasterhaft,
gescheit und dumm. (...)
Im
Gegensatz dazu werden, so wie man bei der geometrischen
Proportion die Zuwüchse der Zahlen den Zahlen
selber angedeiht, so daß eine große Zahl einen großen,
eine kleine Zahl einen kleinen Zuwachs erfährt, in der
Aristokratie die Personen unterschieden, ebenso
wie die Lasten, Vorteile, Amtswürden, Leistungen. Die vorzüglichsten
sind den Optimaten vorbehalten, die übrigen dem Volk überlassen.
Dabei muß man aber innerhalb der einzelnen Parteien je
für sich auch die arithmetische Proportion zulassen. Über
das, was des Volkes ist, werden alle losen, die zum Volk gehören;
über das, was der Optimaten ist, alle Optimaten. Denn wenn
es nicht so wäre, so gäbe es auch im Volk immer neue
Grade von Optimaten bis zu seiner untersten Schicht hinab, ebenso
unter den Optimaten bis zu einem Fürsten des Staates hinauf.
Man könnte also nicht mehr von einer Republik reden, sondern
hätte ein Königtum.
Was
nun das Königtum anlangt, so ähnelt
es zwar am meisten der geometrischen Proportion, da alle Majestätsrechte
dem König vorbehalten sind, wie er selber entweder durch
vornehme Abstammung oder durch militärische Macht oder
durch persönliche Tugenden vor allen anderen ausgezeichnet
ist. Das Regierungsverfahren in einem solchen Staat erscheint
am richtigsten als Ausgleich der beiden Arten von Proportionen.
Denn ein König als Richter über alles verteilt so
gut als möglich alles zwischen Adel und Volk, nicht in
blinder Laune wie das Los, sondern nach Gründen der Tüchtigkeit,
des Verdienstes, des Ranges und Standes; er vollstreckt alles,
was die distributive und kommutative Gerechtigkeit verlangt.
(...) Dabei bezieht aber der König alle seine Entschlüsse
nicht so sehr auf die einzelnen, Stände oder Menschen,
sondern vielmehr auf den ganzen Staatskörper und sein Wohl,
auf Eintracht und Zusammenhalt. Das ist geradeso, wie wenn bei
den Zahlen die Proportionen von der Gleichheit und der Ähnlichkeit
etwas abweichen, so daß sie wenn nötig gar zerstört
werden und auf die gemeinsame Harmonie aller bezogen werden.
Auf diese Weise kommen meine harmonischen Teilungen
zur Anwendung.
|
So überzeugend
dieser mathematische Beweis auch einst gewesen sein mag, er kann von
heutigem Standpunkt aus nicht mehr als wissenschaftlich bewertet werden.
Nicht nur, daß im modernen Wissenschaftsdenken einer Analogienbildung
zwischen mathematischen Proportionen und politischen Staatsformen aufgrund
mangelnder kausaler Beziehung keine Beweiskraft mehr zugesprochen wird,
es ist auch offensichtlich, daß Kepler diesen Ansatz nicht von
ungefähr wählte. Als kaiserlicher Mathematiker und Hofastronom
von Kaiser Rudolph II. und später von Kaiser Matthias von Österreich
lag es nahe, die Beweisführung zugunsten seines Brötchengebers
ausfallen zu lassen. Wäre Kepler im Dienste eines Kommunisten gestanden,
so hätte er wohl kaum diesselben Schlüsse aus den Tatsachen
gezogen oder er hätte andere Evidenzen zur Problemlösung verwendet.
Kepler entstammt noch jener Übergangszeit, da aus den letzten Magiern
die ersten Wissenschaftler wurden. Dadurch ist er ein anschauliches
Beispiel für die fließenden Grenzen zwischen Magie und Wissenschaft.
Er führt uns vor Augen, wie auch heutige Wissenschaften sich ursprünglich
aus dem magischen Weltbild herausgeschält haben. Die abergläubische
Komponente aktueller Paradigmen ist meist getarnt, verwinkelt und versteckt.
Die abergläubische Komponente einstiger Paradigmen ist dagegen
bereits offensichtlicher.
Wollen wir
also zum Vergleich einen Blick auf heutige Ansätze werfen, welche
sich mit der Verteilungsgerechtigkeit sozialer Systeme beschäftigen.
Einer davon ist das Erste Theorem der Wohlstandsökonomie, welches
wir folgend exemplarisch behandeln. Dieses basiert wie viele Modelle
der Volkswirtschaftslehre auf der abergläubischen Annahme, daß
man persönliche Vorlieben von Individuen objektiv messen und in
Zahlen quantifizieren kann. Somit können mathematisch individuelle
Nutzenfunktionen aufgestellt werden. Aus diesen werden in der Folge
sogenannte Indifferenzkurven konstruiert, welche in nomothetischer Manier
sowohl interpersonell vergleichbar als auch intertemporär stabil
sein sollen. Der Idealzustand eines Verteilungssystems, betrachtet unter
Gesichtspunkten der Effizienz, ist der Zustand des Pareto-Optimums:
„Die meisten wirtschaftspolitischen Maßnahmen führen
dazu, daß es bestimmten Individuen besser geht, anderen aber schlechter.
Mitunter gibt es aber die Möglichkeit von Maßnahmen, die
manche Individuen besser stellen ohne andere schlechter zu stellen.
Solche Veränderungen werden nach dem bedeutenden italienischen
Ökonomen und Soziologen Vilfredo Pareto Pareto-Verbesserungen genannt.
Wenn es keine Möglichkeit mehr gibt, derartige Pareto-Verbesserungen
einzuführen, wird die erreichte Allokation als pareto-optimal oder
pareto-effizient bezeichnet." (Stiglitz 1989, S. 62)
Was für
Kepler die Monarchie war, das ist für viele heutige Volkswirtschaftler
der freie Wettbewerbsmarkt. Und so wie bereits Kepler zögern auch
heutige Wissenschaftler nicht, zur Untermauerung ihrer ideologischen
Urteile „unumstößliche“ mathematische Beweise
aufs Schlachtfeld zu führen. Folgendes Modell wurde den aktuellen
Standardlehrbüchern der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften entnommen.
Als solches wird es an vielen westlichen Universitäten von der
kapitalistischen Disziplinarmacht im Rahmen von Prüfungen zur Selektion
offiziell wirtschaftlich Denkberechtigter verwendet.
Beispiel
für das Magische heutiger Wissenschaft:
Das Erste Theorem der Wohlfahrtsökonomie (Varian 1995,
S. 476ff)

Abbildung:
Gleichgewicht im Edgeworth-Diagramm
Es
zeigt sich, daß die Allokation des Marktgleichgewichts
Pareto-effizient ist. Der Beweis lautet folgendermaßen:
Eine Allokation im Edgeworth-Diagramm ist Pareto-effizient,
wenn die Menge an Bündeln, welche A bevorzugt, sich nicht
mit der Bündelmenge schneidet, welche B bevorzugt. Beim
Marktgleichgewicht muß aber die von A bevorzugte Bündelmenge
oberhalb des Budgets liegen, dasselbe gilt für B, wobei
„oberhalb“ aus der Sicht von B zu verstehen ist.
Die beiden Mengen bevorzugter Allokationen können sich
daher nicht überschneiden. Das bedeutet, daß es keine
Allokationen gibt, die beide Akteure gegenüber der Gleichgewichtsallokation
bevorzugen, das Gleichgewicht ist daher Pareto-effizient.
Die
Algebra der Effizienz
Das können wir auch algebraisch zeigen. Angenommen
wir haben ein Marktgleichgewicht, das nicht Pareto-effizient
ist. Wir werden zeigen, daß diese Annahme zu einem logischen
Widerspruch führt. Die
Behauptung, daß das Marktgleichgewicht nicht Pareto-effizient
ist, bedeutet, daß es irgendeine andere durchführbare
Allokation (y1A, y2A, y1B, y2B) gibt, so daß

Die
zwei ersten Gleichungen besagen, daß die y-Allokation
durchführbar ist, die zwei nächsten, daß sie
von jedem Akteur gegenüber der x-Allokation bevorzugt wird.
(Die Symbole >A und >B beziehen sich auf die Präferenzen
der Akteure A und B)
Annahmegemäß
haben wir jedoch ein Marktgleichgewicht, bei dem jeder Akteur
das beste Bündel kauft, das sie oder er sich leisten kann.
Wenn (y1A, y2A) besser ist als das Bündel, das A wählt,
dann muß es mehr kosten, als sich A leisten kann; ähnliches
gilt für B:

Addieren
wir nun diese beiden Gleichungen, dann erhalten wir
Setzen
wir aus den Gleichungen (28.1) und (28.2) ein, ergibt das
was offensichtlich ein Widerspruch ist, da die linke und die
rechte Seite gleich sind.
Wir leiten diesen Widerspruch aus der Annahme ab, daß
das Marktgleichgewicht nicht Pareto-effizient sei. Daher muß
diese Annahme falsch sein. Es folgt, daß alle Marktgleichgewichte
Pareto-effizient sind: Dieses Ergebnis ist als Erstes
Theorem der Wohlfahrtsökonomie bekannt.
Das Erste Wohlfahrtstheorem gewährleistet, daß ein
Wettbewerbsmarkt alle Vorteile des Tausches ausschöpft:
Eine Gleichgewichtsallokation, die durch Konkurrenzmärkte
erzielt wurde, wird notwendigerweise Pareto-effizient sein.(...)
Es ist beruhigend zu wissen, daß ein einfacher Marktmechanismus,
wie wir ihn beschrieben haben, in der Lage ist, eine effiziente
Allokation zu erzielen.
|
Wie die Indifferenzkurven
und Nutzenfunktionen in einem konkreten Fall aufgestellt werden können
bleibt ein Mysterium. Das Konstrukt des Grenznutzens läßt
sich nicht einmal im einfachsten Fall jener Insel mit zwei Personen
(Crusoe und Robinson) und einem Gut (Orange) auf die Praxis anwenden.
Wie will man denn nun den „Nutzen“ messen? In Kilo, in Meter
oder doch in Stunden? Ist er wirklich eine Konstante, welche jedes Individuum
eindeutig für jedes Gut zuordnen kann, von Zeit und Launen unabhängig?
Auch das
mathematische Formelwerk („Die Algebra der Effizienz“) scheint
somit mehr die Funktion zu erfüllen, den Leser hypnotisch einzuschläfern
und ihn dadurch denktot gegen die Infiltration mit der Ideologie des
Freien Marktes zu machen, alsdaß es irgendeine Beweisrelevanz
hätte. Die Zirkelschlüsse der künstlich gefertigten Anordnung
müssen in diesem in sich geschlossenen System fragwürdiger
Prämissen zwangsläufig zum gewünschten rechnerischen
Ergebnis führen. Vergleicht man abschließend dieses aktuelle
Beispiel eines Modells der offiziellen Welt mit dem aus heutiger Sicht
bereits im Halbschatten des Magischen befindlichen Modell Keplers, so
könnte man nach eingehender Betrachtung nicht wirklich behaupten,
daß die moderne Ansicht schlüssiger, plausibler oder beweiskräftiger
wäre. In einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten wird sie dem offiziellen
Zeitgeist wahrscheinlich ebenso hanebüchen erscheinen wie die Vorrangigkeit
der Monarchie vor der Demokratie uns heutzutage.
Die Grenzen
zwischen Magie und Wissenschaft verlaufen fließend. Die Beurteilung
von ein und demselben Wissensmodell fluktuiert sowohl in verschiedenen,
gleichzeitig nebeneinander vorherrschenden Wissenschaftskreisen (intratemporär),
als auch im historischen Vergleich verschiedener Paradigmenepochen (intertemporär).
Das konkrete Wissensmodell als ephemere Trägerleuchte einer Zeitgeistideologie
ist hierbei nur Spielball im Kampf um den Paradigmenthron. (...)
Zitate
aus:
Kepler, Johannes
(1619) Harmonices Mundi in der deutschen Übersetzung von
Max Caspar (1939) Weltharmonik, München-Berlin: Verlag R. Oldenbourg
Stiglitz,
Joseph E./ Schönfelder, Bruno (1989) Finanzwissenschaft,
München: R. Oldenbourg Verlag
Varian, Hal
R. (1995) Grundzüge der Mikroökonomik, München:
R. Oldenbourg Verlag
|