Magie als abergläubische Vorstufe in der Geschichte zur modernen Wissenschaft

„Es ist sicher, daß ein Teil der Wissenschaften, zumal in den primitiven Gesellschaften von den Magiern ausgebildet wurden. Die Magier-Alchemisten, Magier-Astrologen und Magier-Ärzte sind in Griechenland ebenso wie in Indien und anderswo die Gründer und Praktiker der Astronomie, der Physik, der Chemie und der Naturgeschichte gewesen. (...) Der von der Magie aufgehäufte Schatz an Ideen ist lange Zeit das Kapital gewesen, das die Wissenschaften ausgebeutet haben. Die Magie hat die Wissenschaft großgezogen und die Magier haben die Gelehrten gestellt.“ (Mauss 1975, S. 175)

Dieses Zitat des strukturalistischen Soziologen Marcel Mauss leitet uns hinüber zur zweiten Betrachtungsweise des Verhältnisses zwischen Magie und Wissenschaft. Magie war der erste Versuch unserer Vorfahren, sich die Welt erklärbar und somit begreifbar zu machen. Als solche legte sie zwar viele Grundsteine zum Bau der wissenschaftlichen Erkenntnismaschinerie der Moderne, sie wurde in der Folge aber von der technischen Überlegenheit dieser überwunden und verschluckt. Die Wissenschaft hat alles gewissenhaft überprüft, jenes was handfest war an Erkenntnissen ausgebaut und Irrtümer beseitigt. Die Wissenschaft ist somit die moderne Perfektionierung der Magie.

Abbildung 3.2: Magie als historische und qualitative Vorstufe der Wissenschaft

Die bereits erwähnte Studie von Alfred Lehmann brachte diese Betrachtungsweise bereits vor über 100 Jahren auf den Punkt: „Tatsächlich gelangt ja der Mensch zur Erkenntnis der Wahrheit, einerlei welcher Art, nur durch Irrtümer, die beständig korrigiert werden. Jede einigermaßen erschöpfende Darstellung des Entwicklungsganges der Religionen und Wissenschaften wird es daher nicht vermeiden können, den Aberglauben der verschiedenen Zeiten zu behandeln, da derselbe gerade in den Irrtümern besteht, durch die der Mensch sich hat hindurchkämpfen, die er hat ausscheiden müssen, um zu einer reineren und tieferen Erkenntnis zu gelangen.“ (Lehmann 1908, S. 1)
Dabei legt er sich insofern ein Ei, alsdaß er als Beispiel dafür gerade die Alchemie und ihr „nichtiges Ziel“ , unedle Metalle in Gold umzuwandeln, anführt. Bereits sein erster „Beweis“ gegen die Magie, welche „Ziele erstrebt, die wir jetzt als völlig unwissenschaftlich bezeichnen“ , ist somit aus heutiger Sicht nicht mehr haltbar. Zudem mutet es skurril und einigermaßen totalitär an, auch auf religiösem Gebiet von Wahrheit und Irrtum zu sprechen. Diese Aussagen stellen ein schönes Beispiel für eine Fortschrittsideologie der Hegelschen Linie mit allen anmaßenden Implikationen dar, wie wir sie im vorigen Kapitel ausführlich behandelt haben: Es gibt nur eine (unsere) objektive Wahrheit und das hat jeder denkberechtigte Mensch zu erkennen.

Die Grenzen dessen, was je als magisch und je als wissenschaftlich anerkannt war, verlaufen nach unserem Ansatz jedoch fließend. Einem modernen Chemiker, welchem das Prinzip der Oxidation bekannt ist, wird etwa die Phlogiston-Theorie zur Erklärung des Verbrennungsvorganges sehr abergläubisch vorkommen. Die Alchemisten des 18. Jahrhunderts glaubten nämlich bis zur Entdeckung des Sauerstoffs, daß brennbare Körper einen bestimmten Stoff, das Phlogiston, enthalten, der bei ihrer Verbrennung entweicht, wodurch die Körper leichter werden.
„Gleichzeitig sehen sich die Historiker wachsenden Schwierigkeiten gegenüber, wenn sie zwischen dem „wissenschaftlichen“ Bestandteil vergangener Beobachtungen und Anschauungen und dem, was ihre Vorgänger so schnell mit „Irrtum“ und „Aberglauben“ bezeichnet hätten, unterscheiden sollen. Je sorgfältiger sie, sagen wir, Aristotelische Mechanik, Phlogistonchemie oder Wärmestoff-Thermodynamik studieren, desto sicherer sind sie, daß jene einmal gültigen Anschauungen über die Natur, als Ganzes gesehen, nicht weniger wissenschaftlich oder mehr das Produkt menschlicher Subjektivität waren als die heutigen.“ (Kuhn 1967, S. 16) Die meisten Wahr-heiten entpuppen sich so gesehen mit Abstand betrachtet als Wahr-nehmungen.

Das heutige Wissenschaftsverständnis wurde überhaupt erst im 19. Jahrhundert endgültig geprägt mit dem Siegeszug der materialistischen und positivistischen Ideologien. Bis dahin war es für namhafte Wissenschaftler von Kepler bis Newton selbstverständlich, neben den heute dominanten kausalen Erklärungen auch das Denken in Analogien und die teleologische Betrachtungsweise der Finalität in ihre Forschungsarbeiten miteinzubeziehen. Auch wenn es insbesondere heutige Naturwissenschaftler nicht gerne wahrhaben wollen, aber bis ins vorletzte Jahrhundert hinein wimmelte es selbst in renommierten Werken von magischem Gedankengut. So etwa tritt Johannes Kepler in seinem „Buch der Weltharmonik“, einem der vielgepriesenen Standardwerke der Schulphysik, den mathematischen Beweis an, daß die Monarchie der Demokratie überlegen wäre oder erklärt dem Leser ausführlich die Bedeutung seines eigenen Horoskops, bevor er sich an die Ausführungen über astrologische Wetterberechnungen, menschliche Physiognomik und Schutzgeister macht. Auch Isaac Newton widmete seine zweite Lebenshälfte vor allem alchemistischen und theologischen Studien und ging sogar so weit, „den alten, von den Hebräern belehrten Weisen auch ein Wissen um die Gesetze der Optik und der Himmelsmechanik zuzuschreiben, die er selbst lediglich wiederentdeckt habe.“ (Guicciardini 1999, S. 43) Beide waren beileibe keine Ausnahme. Erst nach dem Sieg der Industrialisierung und Technisierung in der westlichen Welt wurden nichtkausale Erklärungsmuster langsam aus den Paradigmenkatalogen der Wissenschaft gestrichen. Das teleologische und das analogische Denken wurden allmählich von den Universitäten verdrängt und entweder mit dem Schatten des Aberglaubens behaftet, oder den Bereichen Religion und Kunst zugeschoben.

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Zitate aus:

Guicciardini, Niccolò (1999) Newton – Ein Naturphilosoph und das System der Welten in Spektrum der Wissenschaft Biographie 3/2001, Heidelberg

Kepler, Johannes (1619) Harmonices Mundi in der deutschen Übersetzung von Max Caspar (1939) Weltharmonik, München-Berlin: Verlag R. Oldenbourg

Kuhn, Thomas S. (1967) Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag

Lehmann, Alfred (1908) Aberglaube und Zauberei – von den ältesten Zeiten bis in die Gegenwart, Stuttgart: Verlag von Ferdinand Enke

Mauss, Marcel (1974) Soziologie und Anthropologie – Theorie der Magie, München: Carl Hanser Verlag