Einleitung
Magie und
Management sind zwei Bereiche, welche auf den ersten Blick wohl kaum
unterschiedlicher sein könnten. Auf der einen Seite dieser Gratwanderung
vermutet man im Regelfall ein phantastisches Zauberland mit Hexen und
Magiern, wie es in Märchen und Filmen für Unterhaltung und
Kurzweil sorgt. Nur in der Kindheit, in früheren Epochen oder in
rückständigen Kulturen konnte oder kann es vorkommen, daß
man die aufgetischten Fiktionen mit der Wirklichkeit verwechselt. Auf
der anderen Seite wird die knallharte Welt der Fakten und Zahlen gewähnt,
der Ernst des Lebens in all seiner Moderne und Professionalität.
Der Manager als Baumeister der Zukunft ist dabei immer am neuesten Stand
der Technik und bedient sich seriöser Methoden, welche ihm die
ehrwürdigen Wissenschaften ausknobeln und stetig weiterentwickeln.
Auch weite
Teile der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur sind nach wie vor
stark geprägt von einem solchen Weltbild, wenngleich sich auch
immer wieder kritische Stimmen an dieser Fassade der Fortschrittlichkeit
modernen Managements zu kratzen erlaubten. Wie manchmal anklingt, bestehen
bei genauerer Betrachtung durchaus einige Parallelen zwischen diversen
Inhalten von Führungsseminaren, Unternehmenskulturritualen oder
Managementtheorien und archaischen Beschwörungsbräuchen, Initiationsriten
oder magischem Analogiedenken.
Schlagmaximen wie „Positiv Denken“, „Fröhlich
Führen“, „Flexibilität“ oder „Integration“
werden mit Zauberformeln verglichen, welche wie das Blendwerkzeug der
Worte und Gesten bei einem Kartentrick von den verdeckten Handbewegungen
des Zauberers ablenken sollen. Die „wahren Intentionen“
und Handlungen des ausführenden Akteurs bleiben somit getarnt,
und aus Personalabbau wird beispielsweise Arbeitsmarktflexibilität,
oder aus Manipulation zur Totalen Partialinklusion läßt sich
Motivation zur Selbstverwirklichung machen.
Aus einem
anderem Blickwinkel versuchen Theorien wiederum zu rationalisieren,
also eine aus einem unentwirrbaren Bündel von Dimensionsmöglichkeiten
willkürlich gebildete Wortkruste um etwas zu konstruieren, das
am Ende doch unbegreifbar und unbeschreibbar bleibt. Und da ist dann
oft zur Orientierung eine falsche Landkarte besser als gar keine, vor
allem wenn mit ihrer Hilfe ein Image von Seriosität und Kreditwürdigkeit
erzeugt werden kann. Möglicherweise besteht auch kein großer
Unterschied zwischen dem Imitieren einzelner Erfolgspraktiken im Rahmen
eines „Benchmarking“-Projekts und der analogistischen Verwendung
von Talismanen und Amuletten bei afrikanischen Urwaldstämmen .
Ist etwa die „Unsichtbare Hand“ als höhere Kraft des
Marktes weniger ein Naturgesetz als vielmehr eine machtintentionell
geprägte Neuauflage des magischen Teleologieprinzips einer Zielorientierung
natürlicher Phänomene? Oder sind die mathematisch ausgetüfteltsten
Planungsmodelle am Ende nicht mehr als das Widerbild der bizarren Verrenkungen
jener bewegungs- und verhaltensgestörten Skinner-Box-Versuchstauben,
welche sich aus zufällig erfolgenden Fütterungszeitpunkten
einen Zusammenhang mit ihren jeweiligen Körperbewegungen einbildeten?
Die Neigung
zu magisch angehauchten Gedankengängen ist auf vielen Gebieten
der Managementlehre kaum zu übersehen. Um die Arbeit aber nicht
gänzlich ausufern zu lassen, möchte ich mich im Hauptteil
auf einige ausgewählte Beispiele aus dem Bereich der Persönlichkeitsmodelle
und Verhaltenstypologien spezialisieren. Dieser ist im Moment besonders
aktuell wegen der heutigen Dominanz eines individualistischen Paradigmas
in der Managementforschung. So wird meist nach wie vor von Individuen
als abgeschlossenen Einheiten, welche relativ dauerhafte und zeitstabile
Eigenschaften besitzen, ausgegangen. Nicht nur bei Testverfahren zur
Personalauswahl strahlt diese Prämisse einer „wahren Natur
des Menschen“, welche mittels ausgefeilter Methoden diagnostiziert
werden könne, durch. Auch wenn es um theoretische Abhandlungen
über verschiedene Führungs- und Verhandlungsstile, Managertypen
oder betriebswirtschaftliche Menschenbilder geht, liegen meist stabile
Raster von Typen, Charaktereigenschaften und Triebmustern zugrunde,
welche (sich) in gewisser Weise auch eine Vorhersage von Fähigkeiten
und Leistungsverhalten erlauben. Da es derartige Typologien bereits
sehr lange gibt, liegt es nahe, nach Parallelen zwischen historischen
und heutigen Denkansätzen zu suchen.
Die vorliegende
Arbeit soll überprüfen, inwieweit es sich bei manchen aktuellen
Persönlichkeitsmodellen und Verhaltenstypologien der modernen Managementforschung
tatsächlich um eine Weiterentwicklung jener teilweise magisch oder
irrational anmutenden Methoden voriger Paradigmenepochen handelt, oder
ob viele dieser wohlklingenden, modernen Theorien nicht vielmehr als
Neoeklektizismen zu bewerten sind, deren Urwurzeln als erstes Vorbild
späterer Reproduktionen von Reproduktionen von Reproduktionen bis
auf jene magischen Quellen früherer Jahrhunderte zurückreichen.
Es soll die Frage von möglichst vielen Blickwinkeln beleuchtet
werden, inwieweit verschiedene Methoden der Managementforschung im 20.
Jahrhundert nicht einfach nur eine neue Terminologie liefern für
althergebrachte Erkenntnismuster und Realitätskonstruktionsmechanismen
, also nur frühere Erklärungsversuche an der Oberfläche
ihrer Formulierungen aufzupolieren versuchen, sobald diese aus der Mode
kommen und dem Zeitgeist langweilig werden.
Um die theoretisch-philosophische
Basis dieses kulturhistorischen Vergleichs im Unterschied zu anderen
Ansätzen offenzulegen, werden in Kapitel 2 die
verschiedenen philosophischen Sichtarten der Entwicklung, welche mit
Schlagbegriffen wie Fortschrittsicht, Rückschrittsicht, Kreisschrittsicht,
Scheinschrittsicht, Blindschrittsicht oder Forttrittsicht umrissen werden
können, kurz ausgeführt. Anschließend werden die zwei
Gegenpole in der Frage, ob Fortschritt nun Sein oder Schein wäre,
exemplarisch dargestellt. Schließlich ist dies, in der Sprache
allgemeiner Prinzipien formuliert, genau die Ausgangsfrage unserer Arbeit.
Anhand des dialektischen Idealismus von Georg W. F. Hegel und Arthur
Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung werden diese zwei ideologischen
Extrempositionen deshalb in ihren Prämissen, Inhalten und Implikationen
erläutert. Die hierbei vorgestellte Terminologie Schopenhauers
wird im weiteren Verlauf ausgebaut und überall dort herangezogen
werden, wo es gilt, Grundmuster der Modellierung herauszuarbeiten und
deren Erscheinen in den Zeitgeistgesichtern der Geschichte nachzuzeichnen.
Diese Grundmuster der Modellierung sollen somit im Zeitverlauf von ihren
magischen Anfängen bis hin zu ihren aktuellen Auswerfungen in der
modernen Managementliteratur kenntlich gemacht werden.
In Kapitel
3 wird dieser Analyserahmen auf das generelle Verhältnis
zwischen Magie und Wissenschaft angewendet, um genauer herauszuarbeiten,
was überhaupt mit diesen Begriffen gemeint ist. Zwar mag es auf
den ersten Blick ganz eindeutig scheinen, was man unter „magischen
Praktiken“ zu verstehen hätte, doch zeigten Recherchen in
der Literatur verschiedener Denkstile, daß es dazu eine Reihe
sehr unterschiedlicher Ansichten gibt. Oft wird „Magie“
schlicht mit dem Begriff des „Aberglaubens“ gleichgesetzt.
Es gibt aber noch einige weitere Magiedefinitionen, welche in ganz andere
Richtungen gehen und dabei auch die Komponenten der Praxisbetonung,
der kollektiven Wahrnehmung und ihrer toten Winkel, sowie der Machtspiele
um die Burgmauern der offiziellen Vorstellungswelt mit einbeziehen.
Die Grenzen zwischen Magie und Wissenschaft verlaufen somit fließend.
Es sind vor allem Zeit und Raum in Form von Moden und Denkkollektiven,
welche darüber entscheiden, ob ein Modell als magisch oder als
wissenschaftlich anerkannt wird und nicht das Modell an sich in seiner
scheinbaren „Richtigkeit“ oder „Falschheit“.
Dieses Kapitel soll die Zeitgeistverfangenheit im wissenschaftlichen
Denkstil unserer Jahre überwinden und den Blick öffnen für
die Relativität von Wissen und Erkenntnis. Dabei werden typische
Wissenstransformationsmuster, wie sie später im speziellen Bereich
der Persönlichkeitsmodelle auftauchen werden, am Beispiel der Wissenschaft
allgemein veranschaulicht. Die Arbeit ist also derart strukturiert,
daß sie die Thematik zuerst möglichst allgemein auf der Ebene
theoretischer Prinzipien betrachtet und sich dann systematisch immer
weiter dem speziellen Feld der Managementlehre annähert. Wir werden
die Beute sozusagen zuerst großflächig umkreisen und von
vielfältigen Blickwinkeln aus beobachten, bis wir im Hauptteil
schließlich die wichtigsten Faktoren überblickt haben und
präzise zuschlagen können.
Dies erfolgt
in Kapitel 4, welches den theoretischen Rahmen allgemeiner
Prinzipien schließlich zur Anwendung auf das spezielle Untersuchungsfeld
der Arbeit bringt. Die prämodernen Modelle des Analogiedenkens
und der Archetypen, das Konzept der magischen Polaritäten und die
Lehre von den vier Elementen werden dabei als Vertreter des magischen
Weltbildes vorgestellt und mit Beispielen aus verschiedenen Kulturen
und Epochen veranschaulicht. Diese Modelle werden aktuellen Theorien
aus der gängigen Managementliteratur gegenübergestellt und
die Gemeinsamkeiten mit deren oft unbewußten magischen Wurzeln
herausgearbeitet. Dabei wird sich das vom theoretischen Konzeptrahmen
vorgegebene Auftauchen von ähnlichen Erklärungsmustern in
magischen und modernen Modellen offenbaren und weisen, daß die
magischen Urgedanken der alten Theorien unter gewandelten Modemasken
in mehreren derzeit offiziell legitimierten Persönlichkeitsmodellen
und Verhaltenstypologien der aktuellen Managementforschung fortbestehen.
Vielgelehrte Theorien wie etwa die Managertypen von Maccoby, die Menschenbilder
und Managementstrategien von Schein, die Führungsstile von Reddin
oder Verhandlungsstile im Konfliktmanagement werden dabei dem Vergleich
mit ihren magischen Ahnen unterzogen und weisen oft erstaunliche Parallelen
auf...